Heimatortsgemeinschaft Agnetheln

Mariasch Turniere

2007 beschlossen einige Agnethler Männer, auf Betreiben von Wilhelm Wächter, im Haus der Begegnung in Heilbronn Auf der Schanz regelmäßig Mariasch zu spielen. Es wird nicht nur Mariasch gespielt, bei Kaffee und Kuchen werden auch Erinnerungen an Agnetheln geweckt und manche verflossenen Ereignisse zum Besten gegeben.

Im Sommer werden die Spiele ins Freie verlegt, man trifft sich im privaten Garten.

 

Diese regelmäßigen Mariasch-Spiele in Heilbronn, werden auch als gute Vorbereitung zum jährlichen Mariaschturnier in Schwäbisch Gmünd geschätzt.

Mariage/Marjasch/Mariasch

Aus dem Freizeitgeschehen und der geselligen Unterhaltung der Agnethler Sachsen ist das Mariage (auch: Marjasch) genannte Kartenspiel nicht wegzudenken. Es wird zu dritt gespielt (oder zu viert, wobei dann der jeweilige Kartengeber am Spiel nicht aktiv teilnimmt). Die Agnethler befolgen einheitliche Regeln, wobei Einzelheiten von Gasse zu Gasse oder von Kränzchen zu Kränzchen differieren konnten, so dass man sich zu Spielbeginn einigen musste (Für die von den Agnethlern befolgten Regeln vgl. Georg Wellmann).

Name und Verbreitung

Der französische Name (Heirat, Ehe) bezieht sich wohl auf das Kartenpaar König und Dame, das die Melder für zwanzig in der Trumpffarbe vierzig Vorauspunkte darstellt. Ebenso zutreffend ließe er sich auch auf die Konstellation der Teilnehmer anwenden, da die Vorhand jeweils gegen die beiden weiteren, vereint (verheiratet) auftretenden Gegenspieler angeht. Gespielt wird meist mit dem so genannten doppeldeutschen Blatt (gern in der Variante der ungarischen Spielkarten; es zeigt Gestalten und Motive der Wilhelm-Tell-Sage), bei dem die Dame des französischen Blattes dem Ober entspricht, so dass das Melder-Paar also aus König und Ober besteht. Mariage gilt als in der Donaumonarchie beheimatet. Gut vorstellbar, dass es durch die k. k. Soldaten  verbreitet worden ist. So wird es weitgehend identisch und unter dem gleichen Namen von Slowaken und Tschechen gespielt, die Ungarn nennen es auch Ulti   nach einer der charakteristischen Spielfiguren , die Donauschwaben praktizieren zudem eine Spielvariante, das Räuber-Mariage. Unter den Agnethler Kartenspielern ist man sich einerseits bewusst, dass die Bevorzugung von Mariage nachgerade zur Ortscharakteristik zählt, dass man sich andererseits in weitgespannter Tradition befindet: Der Polarforscher Fritjof Nansen erwähnt, dass auf seinem Expeditionsschiff, der Fram, während der Eisdriftfahrt 1893-96 Mariage gespielt wurde, und zwar zu viert (In Nacht und Eis, 1. Bd., Leipzig 1897, S. 245).

Die Agnethler als Mariage-Spieler

In Agnetheln war Mariage fast ausschließlich ein Kartenspiel der Männer, es bildete den Kristallisationskern von Mariage-Kränzchen, die sich regelmäßig, meist sonntags, im privaten Rahmen trafen; in der Vorkriegszeit traf man sich zudem auch im Gewerbeverein zu Mariage-Runden. Für Jugendliche galt der Übergang zu diesem Spiel als Zeichen männlicher Reife. Die Kränzchen als stabile gesellige Gruppen der Erwachsenen wie der Heranwachsenden konnten bei ihren Zusammenkünften ebenfalls Mariage-Runden umfassen, wobei allerdings die mit dem Spiel einhergehende Absonderung der männlichen Teilnehmer ein beständiger Störfaktor der Geselligkeit war: Die Konzentration der Männer auf das anspruchsvolle Spiel einerseits und die vorwiegend vom weiblichen Teil der Gruppe getragene Unterhaltung behinderten einander.

Als Mischung von Strategie- und Glückspiel ist Mariage für die Teilnehmer ein Anlass, die persönliche Geschicklichkeit aneinander zu messen. Die Zufallsverteilung der Karten zu Beginn jedes Spieles verdeckt zunächst anders als etwa beim Schach die Unterschiedlichkeit des Könnens der Einzelnen, so dass auch sehr gute Spieler gelegentlich verlieren und andererseits selbst Anfänger immer wieder Gewinnchancen haben. Der regelmäßige Turnus von Allein- und Zusammenspiel, letzteres in beständig abwechselnder Paarung, verhindert dauernde und damit konfliktträchtige Parteienbildung. Mariage-Turniere sind zwar möglich, aber in der Regel bleibt es beim gehobenen Unterhaltungsspiel; die Geldeinsätze sind traditionell minimal bzw. äußerst moderat. Das gewonnene oder verspielte Kleingeld gilt fast nur als Maß des persönlichen Spielerglücks und -geschicks, es fällt kaum ins Gewicht als materieller Gewinn oder Verlust. Entsprechend hielten und halten viele Agnethler ihren Münzenvorrat für Mariage auch getrennt vom sonstigen Geld in dafür vorbehaltenen Säckchen oder Taschen.

Die Sprache der Mariage-Spieler

Die Begrifflichkeit des Mariage-Spiels hat ihre Spuren in der Agnethler Alltagssprache hinterlassen, gleichviel ob Hochdeutsch oder Mundart verwendet wird: Der Agnethler gibt Atout, wenn er etwas durchsetzen will, gibt Kontra, wenn er seiner Sache sicher ist, bekennt Farbe, wenn er sich regelgerecht verhält, hat gegebenenfalls nichts zu melden, aber die eigenen geringen Möglichkeiten reichen für einen Bettel; er macht Durchmarsch, wenn er entsprechend bei Kräften ist,  sagt, wenn er mit seinem Latein am Ende ist, auch im Alltag wie am Spieltisch: Und weiter! Das ist nur eine kleine Auswahl von gängigen Übertragungen.

Am Mariage-Tisch herrscht oft ein rauer, ungezügelter und außergewöhnlicher, gelegentlich sogar poetischer Ton, den Nichtbeteiligte als ungehörig oder aggressiv empfinden mögen. Wer bei einer Partie bloß kiebitzt, was unter strengen Auflagen meist geduldet wird, muss sich diesen Ton gefallen lassen. Die Enthemmung ist kaum allein dem mit dem Spiel verbundenen Alkoholkonsum zuzuschreiben, da Trunkenheit das Spielen eigentlich unmöglich macht. Wieso ist die lose Zunge dennoch charakteristisch? Der Mariage spielende Mann sitzt fast immer unter seinesgleichen, zwischen Nahestehenden oder Freunden, die es im Spiel zu übertrumpfen gilt. Dadurch besteht kaum Anlass zur verbalen Selbstkontrolle oder Hemmung. Die hohe Konzentration auf die Möglichkeiten des eigenen Blattes und auf den Spielverlauf endet im Triumph des oder der einen und gleichzeitiger Niederlage der oder des anderen. Die Enttäuschung sucht sich Verantwortliche und Opfer, die Niederlage im Spiel verlangt offenbar Kompensation zumindest im verbalen Ausdruck. Die üblichen Formeln des Schimpfens und Fluchens sind allerdings nur allzu bald erschöpft, so dass es immer wieder zu seltsamen Neuformulierungen von überraschender Drastik und Originalität kommen kann. Die Spieler selbst finden sich durch solche Formeln kaum je beleidigt, obgleich der schiere Tatbestand der Injurie oft erfüllt sein mag. Die Grenzen der Schicklichkeit sind hierbei offensichtlich anders gezogen. Entsprechend wird einem Agnethler eine verbale Entgleisung im Alltag dann auch mit dem charakteristischen Hinweis verwiesen: Du bist hier nicht beim Marjasch!

Neuere Entwicklungen

Mit der Auswanderung der Agnethler Sachsen ging die Auflösung des Zusammenhangs einher, den die Kränzchen darstellten. Die regelmäßigen Mariage-Treffen entfielen damit ebenfalls, und die nachwachsende Generation hat wohl kein leitendes Beispiel mehr, das ihr das Mariage-Spielen einer Nachahmung wert erscheinen lässt. Nach und nach entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten aber auch in der Diaspora, wo ausgesiedelte Agnethler näher beieinander wohnen, aus sporadischen Gelegenheiten feste Treffen, deren erklärter Zweck das Mariage-Spiel ist. Seit 2006 finden sich jährlich einmal zu einem Wochenende sogar Dutzende Mariage-Spieler zu einem organisierten Turnier (ohne Publikum oder sonstige Öffentlichkeit) zusammen, wobei das Außerordentliche der Veranstaltung nicht zuletzt darin besteht, dass sich hier zwar Spieler unterschiedlicher Altersgruppen treffen, aber ausschließlich Männer und (fast) ausschließlich ehemalige Agnethler.

Autor: Horst Fabritius

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