Heimatortsgemeinschaft Agnetheln

Urzeln

In der Gegenwart

Das Agnethler Urzellaufen wird heute als Bestandteil der Fastnachts- und Faschingsaktivitäten Süddeutschlands wahrgenommen, getragen von den dahin ausgewanderten Agnethlern und ihren Nachkommen. Entsprechend finden sich in den Gebieten und Zentren ihrer Neuansiedlung auch die wichtigeren heutigen Auftrittsorte der Urzeln: Sachsenheim für den Großraum Stuttgart-Heilbronn, Nürnberg für das Städtedreieck Nürnberg-Fürth-Erlangen, Geretsried und Traunreut in Südbayern. Sporadisch und in kleineren Gruppen treten Urzeln auch sonst auf. Den höchsten Grad an Institutionalisierung haben sie in der Urzelnzunft Sachsenheim e. V. erreicht, einem Mitglied der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte.

Quelle: www.badische-seiten.de

Im Herkunftsgebiet der Brauchtumsträger

Der Brauch des Urzellaufens erlosch im siebenbürgischen Agnetheln 1990, als dessen Träger, die sächsischen Agnethler, fast vollzählig in die Bundesrepublik auswanderten. Er war dort von den Behörden 1969 erstmalig nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zugelassen worden und hatte sich zu einem staatlich geförderten Vorzeigeprojekt der offiziellen Nationalitätenpolitik entwickelt. Schon zuvor, nämlich 1965, hatten die im württembergischen Sachsenheim angesiedelten ehemaligen Agnethler den Brauch erneut aufleben lassen. Seit 2006 gibt es rumänische Urzeln in Agnetheln, die regelmäßig dort und in der Kreishauptstadt Hermannstadt/Sibiu auftreten. Es handelt sich um die seltene, wenn nicht gar beispiellose Übertragung einer solchen Tradition auf eine neue Trägergruppe in der Gegenwart. Nach dem Sachsenheimer Vorbild haben sich die rumänischen Urzeln inzwischen ebenfalls als Verein organisiert (Breasla lolelor =  rum. Zunft der Urzeln.

Quelle: www.breaslalolelor.ro

Die Urzelnparade

Zwischen 1911 und dem kriegsbedingten Verbot nach 1941 war die Urzelnparade Kernpunkt des Urzellaufens, das in dieser Zeit zu einer Festveranstaltung der Marktgemeinde Agnetheln wurde. Alle Urzeln nahmen am Umzug teil, in sogenannten Parten (die meist den ortsüblichen Kränzchen entsprachen) mit eigenem Erkennungszeichen zusammengefasst, die ihrerseits den fünf größten historischen (de jure schon im 19. Jahrhundert aufgelösten) Handwerkerzünften von Agnetheln zugeordnet waren. Die gewählten Vorstände dieser Zünfte schritten in der Parade in alter Bürgertracht unter ihrer jeweiligen Zunftfahne als Ehrengeleit der vorangetragenen Zunft- und Gesellenladen, begleitet von den Handwerksmeistern und umschwärmt von den Urzeln, die die einheitlich und damit unkenntlich kostümierten und maskierten Gesellen der Zunft darstellten. Jede Zunft hatte ihre althergebrachten Symbole, die sie mitführte, sowie Symbolfiguren, die ihre Rolle während der Parade spielten, manche von ihnen in Begleitung der Blaskapelle. So stellten die Schuster als die größte Zunft den Paradehauptmann, die Schneider ein eigenartig kostümiertes Tänzerpaar, Schneiderrössel und Mummerl genannt, die Fassbinder (Böttcher) den Reifenschwinger, der volle Weingläser in einem Reifen akrobatisch durch die Luft wirbelte, die Kürschner einen Bär und dessen Treiber, beides ebenfalls Traditionsmasken, die während des Zuges ihre Schauhandlungen darboten. Nach dem Ende der Parade setzte das Narrentreiben der Urzeln ein, die partenweise von Quartier zu Quartier liefen, wo ihre Kränzchenpartnerinnen sie mit Krapfen und Wein empfingen.

Ein Brauch der Gesellenbruderschaften

Vor 1911 war das Urzellaufen ausschließlich ein Brauch der zünftig organisierten Handwerkergesellen, der im Anschluß an die Sittage das waren die Jahresversammlungen der Zünfte zur Durchführung kommen konnte. Die Bruderschaftslade der zünftig verfassten Gesellen eines Handwerks, die die Artikel, also die Funktionsvorschriften, sowie die Kasse der Bruderschaft enthielt, musste vom alten zum neu gewählten Gesellenvater, dem zweiten Zunftmeister, gebracht werden. Und dieser konnte sich gemäß alter Agnethler Üblichkeit für das Ehrengeleit der Überführung als Urzeln kostümierte Gesellen wünschen. Dies ist der überlieferte Kern des Brauches, der erstmals 1689 als Mummenschanz der Zünfte dokumentarisch erwähnt wird. Die Entscheidung lag also bei den einzelnen Zünften, ob und wann innerhalb der heiligen Zeit, also des vom Kirchenjahr vorgegebenen zeitlichen Rahmens der Maskenzug stattfand.

Aussehen und Herkunft des Urzels. Neuere Entwicklungen

Die Urzelmaske selbst, mit ihr verbundene Rituale sowie vergleichbare Zusammenhänge außerhalb Agnethelns legen nahe, daß sich hier ein archaischer, männerbündnerischer Brauch den Traditionen der Gesellenbruderschaften angelagert hat. Die Verwandtschaft mit ähnlichen Maskenbräuchen, etwa den heute noch im schwäbisch-alemannischen Raum lebendigen, ist offensichtlich. Allerdings gibt es auch viele Eigenheiten des Urzels, die seine eigenen Rätsel darstellen und ihn unverwechselbar machen. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die Auswanderung der Agnethler Brauchtumsträger, die Einpassung des Urzels in den Rahmen von süddeutscher Fastnacht und Fasching brachten eine Reihe von Veränderungen auch für den Urzel, der damit integrationstauglich gemacht wurde. Auf der Homepage der Urzelnzunft Sachsenheim kann man sich darüber näher informieren.

Autor: Horst Fabritius

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